Internet: Kleine Programme suchen nach Kommentaren auf Blog-Seiten
Spam erreicht nun auch Online-Tagebücher
VDI nachrichten, Bonn, 14. 1. 05 - IT-Spezialisten und Journalisten, aber auch viele Privatleute informieren auf spezialisierten Internetseiten, sog. Weblogs, täglich über interessante Begebenheiten und Neuigkeiten. Doch immer öfter missbrauchen Firmen und Suchmaschinen-optimierer diese Weblogs für ihre Werbehinweise.
Wenn Werbekommentare inhaltlich in keiner Beziehung zum Eintrag stehen, gelten sie als Spam. Während einige wenige Spammer ihre Kommentare noch per Hand setzen, lassen geschäftsmäßige Suchmaschinenoptimierer automatische Programme täglich mehrere tausende Kommentare in beliebte Weblogs, kurz auch Blogs genannt, absetzen.
Betroffen sind vor allem Weblogs, die auf Software aufsetzen, die weit verbreitet ist. Doch auch Betreiber mit exotischer Blogsoftware bleiben nicht verschont: "Vor etwa einem Jahr wurde es nervig", sagt Jörg Kantel, Betreiber von "Der Schockwellenreiter". Auf seiner Website hinterlassen sog. Robots täglich tausende Kommentare. Robots sind kleine Programme, die das Internet auf der Suche nach Blogkommentaren durchforsten. Werden sie fündig, versuchen sie eine Werbenachricht in den Blog zu schreiben.
Kantel: "Ich habe zur Zeit etwa 7500 Einträge. Die Robots hinterlassen in der Regel etwa auf den ersten 5000 Einträgen ihre Kommentarspuren. Oft kommen sie sogar täglich vorbei." Jörg Kantel hat daher gemeinsam mit dem japanischen Entwickler seiner Blogsoftware ein Script geschrieben, das die Kommentare wieder entfernt.
Einige Blogbetreiber setzen inzwischen auch so genannte Captcha-Funktionen ein. Sie verhindern das automatische Einstellen von Kommentaren, indem sie vom Nutzer verlangen, die in einem Bild dargestellten Zahlen und Buchstaben als Freischaltcode einzugeben. Captcha-Funktionen werden schon seit Jahren von Suchmaschinen eingesetzt, um automatisierte Seitenanmeldungen durch Bots zu verhindern. Auf diese Weise soll die Zahl der Anmeldungen seitens Suchmaschinenoptimierer begrenzt werden. Der Informatiker Kris Köhntopp konnte so die Spams in seinem Blog gegen Null reduzieren. Von den Captcha-Funktionen hält Jörg Kantel allerdings wenig, da für Sehbehinderte die Zahlen-Buchstaben-Bilder oftmals schwer oder gar nicht lesbar sind. Da er Nutzer mit Sehbehinderungen nicht ausschließen will, setzt er weiterhin auf sein Anti-Spam-Script. Suchmaschinenoptimierer Thomas Bindl weiß jedoch, dass auch die Captchas mittlerweile überwunden werden.
Jörg Kantel beschwert sich außerdem regelmäßig per E-Mail bei den in den Kommentarspams Beworbenen wie Neckermann oder Technidirect. Teilweise mit Erfolg: Die Firma Technidirect reagierte auf Kantels Beschwerde und fand heraus, dass der von ihm beauftragte "Suchmaschinenoptimierer" Hurra Communications die Kommentarspams in einer Woche etwa vier- bis fünfmal beim Schockwellenreiter abgesetzt hatte - ohne dies abgesprochen zu haben. Daraufhin kündigte Technidirekt die Zusammenarbeit mit dem Stuttgarter Unternehmen. Hurra Communications gab dazu keinen Kommentar. Entschärfen können Weblog-Betreiber das Problem auch, wenn sie eine Registrierungspflicht für ihre Nutzer einführen.
Suchmaschinenoptimierer versprechen sich von der Platzierung der mit Links versehenen Kommentare in beliebten Blogs eine Steigerung im Ranking von Suchmaschinen. Für Christian Vollmert, Leiter der Projektgruppe Suchmaschinen-Marketing beim Bundesverband Digitale Wirtschaft, ist das Problem "völlig neu". Den VDI-Nachrichten sagte er: "Solche Methoden widersprechen jeglicher Seriösität und bestärken uns darin, unsere Sensibilisierungskampagne bei Suchmaschinenoptimierern zu verstärken." Google hat bereits reagiert. Kommentarseiten, die vormals einen Pagerank niedriger lagen als die Hauptseite, sind derzeit mit Pagerank Null ausgezeichnet.
Die Entwickler von Blogsoftware reagieren ebenfalls auf die Kommentarspams. WordPress integriert in seine neue Version 1.3 mehrere Schutzmechanismen, schon jetzt sind Dutzende von Anti-Spam-Tools verfügbar. Das Tool "Kitten"s Spaminator" ist ein Spamschutz gegen Kommentarfluten und sorgt mittels einer Blacklist bei bekannten Spammern für ein verzögertes Antwortverhalten, das die Botnetzwerke verlangsamen soll. "Spam Karma" wertet eine Reihe von Eigenschaften aus, um einen Kommentar als Spam zu klassifizieren.
Intelligente Fragen zu stellen hält Optimierer Thomas Bindl übrigens für das einzige, noch nicht geknackte Gegenmittel. So hat Yahoo-Entwickler Jeremy Zawodny für die Blogsoftware Movable-Type einen kleinen Aufsatz gebaut, den er für sein eigenes Blog einsetzt. Er stellt Fragen wie: "Wie ist Jeremys Vorname?" oder: "Welches Jahr haben wir?", die jeder Nutzer beantworten kann. Spambots aber werden ausgesperrt. C. SCHULZKI-HADDOUTI